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Abstrakte Kunst

Tagebuchauszug vom 06.01.1999



Sagte mir die Dame: "Ich liebe das Abstrakte, ich male nämlich auch." Da fühle ich das tragische Ende dieses Kunstjahrhunderts. Es ist nämlich nicht so, dass "abstrakt" "konfus" meint oder nichts darstellend" im Sinn von "logisch unsinnig, abstrus". Abstrakt heisst "vom Gegenstand abstrahiert", allgemeingültig, für alle Geltungsbereiche gleichermaßen gültig, algebramäßig zwei Äpfel oder zwei Weltkriege, zwei ist zwei. Das Abstrakte hat einen königlichen Rang im Denken. Wie alles Königliche, hat das Abstrakte aber auch einen Touch von Macchiavelli. So setzt z.B. Abzählbarkeit den Glauben an Gleichheiten voraus, die mit einer Nummer belegt ausreichend erfasst werden könnten. Leider ist aber das Universum voller Einmaligkeiten. So wird es nicht schaden, wenn man über Sinn und Unsinn von Abstraktion nachdenkt. Vielleicht gilt es Schaden abzuwenden.
"Abstrakt" bezeichnet vor allem keine bestimmte Malereischule, auch wenn es solche Bestrebungen gibt; es wäre zu läppisch, den Sinn ausgerechnet dieses Wortes patentieren zu wollen. Merkwürdig, wie die elitäre Kunstwelt sich in diesem Jahrhundert auf Abstraktion verbissen hat, als wolle man einen Hauch von Noblesse durch die Distanz vom Gewöhnlichen erschlaumeiern. Peinlich, wenn das unreflektiert geschieht, weil schon drei Generationen Inzucht an Kunstschulen herrscht. Abstraktion ist nur noch eine Art Berufskrankheit in der Malerzunft.
Natürlich muss der Maler zu Anfang eines Malvorgangs eine Art Kräfte-, Felder- und Gewichte-Vorstufe durchlaufen, so dass das Einzufangende wie auch immer sinnvoll auf die Fläche kommt. Vieleicht braucht einer Hilfslinien, grobe Einteilungen, Raster, Farbgewichtungen, kurzum Vorarbeiten vor dem eigentlichen Malerprozess. Dem Meister ist solches allgegenwärtig und selbstverständlich und braucht nicht explizit ausgeführt zu werden.
Als unsere Urgroßväter und -mütter vor hundert Jahren ihre wilden Tage hatten, konnten sie sich vom Establishment der nicht mehr verehrten Lehrer befreien, indem sie die Feinheiten in etceteras versacken liessen, was sie schneller zum "Wesentlichen" brachte. Was man in der Kunst für Abstraktion hält, ist nicht mehr als das Sichtbarmachen der Malerei - Interna. Es gibt da keine Verwandtschaft mit der Abstraktion in den Wissenschaften, wo etwa ein N-dimensionaler Raum definiert wird, der nicht vorstellbar ist, von dem aber alle Ableitungen in vorstellbaren Räumen wieder gelten. Ein Haufen Inexplizitheiten macht noch keine Abstraktion, aber es macht "abstrakte Kunst". Würden die abstrakten Künstler - was für ein Nonsens-Wort - dem gloriosen Siegeszug des abstrakten Denkens in unserem Jahrhundert ein Denkmal setzen, oder gar einen diskutierenswerten Beitrag in jener Welt liefern, wäre der abstrakten Kunst nichts an Respekt zu verweigern. Wäre gar im Vollzuge des abstrakten Malens ein Erkenntnisprozess möglich, der die Schönheit der jenseits aller Gültigkeiten und Realisierungen liegenden abstrakten Denkweise eins zu eins mitteilte, zwingend wie das Aha in der Mathematik, und wäre das immer (empirisches Fakt) nicht darstellende, nicht gegenständliche Malerei, dann wäre da ein Platz für einen einigermaßen exakten Begriff "Abstrakte Malerei". Da ich aber den Salat aus schlampig verstandener Assoziationspsychologie, schlampiger Malweise und schwammiger Begriffsbildung nicht berauschend finde, kann ich mir erlauben, das Themenfeld noch mal etwas durchzupflügen.
Da wäre die erste Frage, wenn denn Malerei ein Medium ist, mit dem Menschen abstrakte Gedankengänge kommunizieren können, was ja keinesfalls undiskutiert angenommen werden kann, ist dann nicht alle Malerei abstrakt? Ist dann nicht alle christlich-abendländische Kunst abstrakt? Nie ging es um das banale Gegenständliche, was ja diesseitiges Teufelswerk gewesen wäre. Es ging immer um das Göttliche, das Leben Jesu als menschgewordenem Gott, die Mutter Gottes, (Die Ikone hat magische Kräfte.), die Liebe, die Natur , als sie dann das Wirken Gottes auf Erden bedeuten durfte. L'art pour l'art hätte uns nie aus dem alttestamentarischen Bilderverbot hinausgeführt. So kommt es, dass man auch heute noch dem echten Kunstwerk höhere Absichten und tieferen Einblick unterstellt. Mondrian hat kaputte Ikonen gemalt, durch die man leichter zu Gott channeln konnte; Kandinski magische Transportmittel, weil er glaubte, man könne mit Farben wie Gott selbst direkt in die Herzen der Menschen gelangen. Beide haben versagt als Kommunikatoren. Ihr absichtseitiger Weg zur Abstraktion wurde zur Bizarrerie und ihr Werk überlebte als bombastisches Missverständnis, weil man in der Nachkriegs-Meinungsmache Vorboten der Moderne brauchte.
Die Geschichte der Abstraktion im Bild geht viel weiter zurück als der Blick der Kunstgeschichte. Die Fähigkeit des Menschen, sich bildlich oder symbolisch oder sprachlich auszudrücken, Anderen Inhalte verständlich zu machen, Distantes, nicht im Jetzt und Hier Stattfindendes zu kommunizieren, das ist die wundersame Sonderbegabung der Tierart Mensch. Die Begabung zur Abstraktion. Stolz, wie der Pavian seinen Hintern, tragen wir die Fetische unserer Abstraktionsfähigkeit zur Schau. Spuren der Abstraktionsfähigkeit sind unsere Platzhirsch-Markierungen, sie verschaffen uns Vorteile im Rudel.
Punkt Punkt Strich - mit dem Stöckchen im Sand: ich, Leithammel, organisiere die Wanderung zu den zwei Bäumen am Rande der Wüste, wie jeder in der Situation sofort versteht. Zeit und Raum und unzählige weitere Faktoren verstecken sich unausgefaltet in den etceteras sowohl im Weltbildapparat der Zeugen des symbolischen Aktes, als auch im abstrakten Werk selbst. Kommt ein Nachzügler meiner Horde an meiner Zeichnung vorbei, so weiss er sofort, dass wir zu den zwei Bäumen unterwegs sind. Abstrakte Kunst wäre damit eigentlich erfunden, nur wer sagt mir, ob solch ein Artspezifikum den Tausch mit dem Pavianarsch wert ist.
Da es nun aber offensichtlich so geschehen ist, muss man vermuten, dass mehr im Spiel ist. Es ist die Rede vom Schlüssel zum Universum - geistig und technologisch. Ich werde dazu ein paar Gedanken präsentieren, aber zunächst möchte ich etwas vor die Klammer setzen: eine Warnung an den homo sapiens, er könnte den Titel "sapiens, wissend" etwas voreilig an sich gerissen haben. Fast alles was uns am Leben hält geschieht ohne, dass wir verstehensmässig und wahrheitsgemäß Ursachen und Zusammenhänge kennen. Wir schwimmen durch Hoffnungen zu den Sternen und machen uns mit hochmütigen Irrlehren nass.
Was und wie wir abstrahieren und theoretisieren, kann nur dann ein wertvolles Tun sein, wenn es in Analogie zu Vorgängen im Kosmos geschieht.