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Malerei als Bewusstseinsforschung

veröffentlicht im "Jahrbuch für Ethnomedizin und Bewusstheitsforschung" Issue 6-7; 1997/98
Vortrag im März 1999



 
Zwei Jahre, von 1508 bis 1510 hatte Leonardo da Vinci die Absicht, ein Buch über die Erde als Lebewesen zu schreiben. Das Meer mit seinen Gezeiten sah er als das pumpende Herz, die Flüsse als Blutgefäße. Das Verhalten von Wasser und Licht beobachtete und beschrieb er so gut, daß alle nachgebauten Experimente heute funktionieren. Die Schriften blieben leider bis ins 20ste Jahrhundert verschollen und unbekannt, so dass die Ideengeschichte im Abendland 400 Jahre ohne den Gaia-Gedanken zumindest ohne Leonardos Beitrag zur Strömungslehre weitergehen musste. Ich habe die Schriften erst vor wenigen Monaten auf der Weltausstellung in Lissabon sehen können. Anders als bei den wohlbekannten Gedanken über sfumato, wo man nicht sicher sein kann, ob Leonardo seinen Gesellen erklärt, wie sie dunstig Fernes malen sollen, oder ob er naturwissenschaftlich Allgemeingültiges meint und das fraktale Denken erfindet, ist er hier im Grundlagenbereich Gaia-Wissenschaft ganz der geniale Naturforscher. Die Malerei selbst muss für diesen umfassenden Verstand die leichteste aller Übungen gewesen sein; etwas am "wie sag ich's meinen Kindern"-Ende seines Spektrums.


Genesis
Genesis

Malerei ist auch heute noch ein faszinierender Erkenntnisweg. Sie, liebe Zuhörer, zu überzeugen, dass im Malen ein solches Potenzial steckt, sollte mir in der kommenden halben Stunde gelingen. Nicht umsonst haben die monotheistischen Religionen ein Bilderverbot verhängt. "Du sollst Dir kein Bildnis machen" wäre nie Gesetz geworden, wenn das Erstellen und Verbreiten von Bildern eine ganz harmlose Sache wäre. Wie aber kann es sein, dass eine an sich so triviale Tätigkeit, wie das Verschmieren von Oberflächen mit Farben, die ausserdem nur selten lange halten, als Ketzertum angesehen wird? Hätte man nicht besser das Schreiben verboten? Malen, zeichnen, kurz, symbolisch Darstellen-können, sind schließlich Fähigkeiten, die uns Menschen vom Tier abheben, unverzichtbarer noch als das Kleider tragen. Die Sprachfähigeit selbst ist, wie wir heute wissen, weniger exklusiv menschlich.
 

Nun, die Dominatormenschen aller Zeiten, die ihre Schäfchen gerne gefügig sähen, fürchten die Wege des Nichtsprachlichen, weil ihnen dort die Kontrolle, die Zensur, sehr leicht entgleiten kann. Auch ein Untertan sieht was er sieht, und der Maler selbst malt Erkenntnisse, die er nicht zu worten braucht. Er braucht sich auch gar nicht im Klaren zu sein. was er tut. Was ist es denn wovon ein Maler berichtet? Emotionen, die Schleifspur seiner nichtverbalen Gedanken, den Abklatsch universeller Naturgesetze, den Umgang mit dem Flüssigen? Er unterwandert die Doktrin! Er schaut das Sichtbare mit den Augen dessen, der damit was anzufangen weiß. Für Leonardo war die Tropfenform der Erde selbstvertändlich, die Berge mussten aus dem Meer aufgestiegen sein, da sie Fossilien von Meerestieren zeigten.
Damit komme ich zu einem ersten Kernsatz meines Referats über Malerei als Bewusstseinsforschung: Es ist nicht nur was sich worten lässt, möglicherweise wahr. Unser Universum und Mutter Erde haben unsere Existenz mitsamt unserem Bewusstsein nicht an Wortbarkeit gebunden. Im Gegenteil, das theoretische, argumentative Verstehen hat, indem es auf Prämissen baut, stets Aussagen gezeugt, die zwar logisch korrekt, aber deshalb noch lange nicht sachlich richtig waren. Wie Sie vielleicht wissen, ist, was als abgeleiteter Satz wahr ist, gleichzeitig auch immun gegen eine Überprüfung im Feld. Hätten wir nur das Instrument unseres klaren Verstandes um zu überleben, wären wir eine längst ausgestorbene Tierart.

 
Zum Glück, für uns und alles Leben auf diesem Planeten, baut das was geschieht auf alles was geschehen ist und gleichzeitig geschieht; "all things are connected." Anders gesagt: Alles, auch das kleinste Seiende, ist so unsäglich komplex, und somit schließlich einmalig, dass alles Beschreiben und Begreifen nichtig wie ein Tröpfchen in Wolken unausgesprochener Et-ceteras wird. Unser Weltbildapparat (um ein Wort von Konrad Lorenz zu verwenden) kommt damit offensichtlich bestens klar, denn noch leben wir und haben noch nichts Wesentliches falsch gemacht. Bei den vielen Irrlehren, denen wir zu allen Zeiten aufgesessen sind, grenzt das an göttliche Gnade.
Dagegen sind die Modelle und Theorien, die wir uns bauen, vor allem wenn es um Bewusstsein, Kommunikation und Verwandtes geht, wie Modeerscheinungen immer raffiniert gedacht, oft hinreissend elegant, aber im Grunde doch Krücken, die keiner braucht.

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Die Welt des Malers.
 
Vor 30 Jahren kam ich von der universitäts-gebundenen Kommunikationsforschung in die Welt des Kunstbetriebes, denn ich musste mich und meine Lieben plötzlich von meinem Werk ernähren. Ich habe das immer mehr schlecht als recht bewältigt, denn ich fühlte mich dort nie heimisch. Mein Zuhause hatte ich im Malen und in Fragen und Experimenten, die Christian Rätsch dem Schamanischen zuordnen würde.
Als Maler will man ja nicht unbedingt mit Kunst zu tun haben, sondern mit Malerei. "Kunst" und "Künstler" halte ich für ehrenvolle Zuschreibungen, die der Maler sich aber nicht selbst anheften kann und auch nicht sollte. Malen sollte so ungekünstelt und ehrlich sein, wie die Schleimspur der Schnecke. Wie alle Lebewesen hinterlassen wir Menschen permanent Spuren unseres Tuns: Man kann nicht nicht kommunizieren. Das wär' dann mein zweiter Kernsatz. Als Maler führt man ganz einfach ein Leben, welches Spuren auf Malgründen hinterlässt.
Im Folgenden werde ich versuchen, Ihnen, meine Damen und Herren, etwas von dem eigentümlichen Daseinsmodus eines malenden homo sapiens zu berichten. Alle Techniken des bildnerischen Gestaltens sind eigentlich einfach und gehören zu recht ins Bildungsprogramm der Kindergärten. Sie müssen einfach sein, damit nicht die Technik das Bewusstsein okkupiert. Denken sie an die einfachen Methoden der Schamanen, die ausser Saufen und Trommeln nichts zu können scheinen, und doch reissen sie Ihnen den bösen Zauber aus dem Herzen, sind sie vielleicht als Drache unterwegs zum Ende der Welt. Dem Maler geht es ähnlich - mit oder ohne Substanzen, die den Malerrausch vertiefen könnten.



 
Also, die Einfachheit des Malens: Es reicht, wenn Sie zwei Arten von Farben unterscheiden: Erstens: Die Pigmente, das sind feine farbige Sandkörner, die aufgewühlt im farblosen Fluss hängen und sich unter anderem wie Sandbänke absetzten. Die zweite Art von Farben nennen wir Farbstoffe, sie sind wie Tinte gelöst, wie Färbemittel, die die Flüssigkeit, die Sandbänke aber auch den Malgrund färben. Wir malen beispielsweise mit Ölfarbe und verdünnen mit Balsam-Terpentin. Als Malgrund dient uns Glanzpapier. Wir nehmen die Pigmentfarbe mit viel Flüssigkeit auf, so dass der Pinsel einen recht unkontrollierbaren Klecks auf dem Papier hinterlässt. Dieser noch sehr flüssige Fleck eignet sich hervorragend, uns die Welt im Vollzug des Werdens zu zeigen. Gerinnt er ohne weiteres dazutun, einfach indem das Terpentin verdunstet, so zeigen sich bald Gerinnungsformen, Dendriten, die wie Baumkronen im Winter aussehen. Klatschen wir ein Stück Zeitung auf dem Farbklecks ab, so ergeben sich Formen, und Strukturen, die an Verwitterung erinnern. Ein besonderer Genuss ist das Erstellen von Rorschach-Klecksen. Man faltet das Papier und erhält eine einfache Spiegelung, was wahrscheinlich deshalb so anziehend ist, weil Tiere und Menschen die gleichen beinahe Symmetrien aufweisen.

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Wie Sie vielleicht schon jetzt heraushören, ist in allen Zuständen des schlichten Tuns, die Bewusstseinsarbeit in vollem Gange. Unser Gesichtssinn gleitet über die suggestiven Miniaturwelten. Was dem Tier noch ein bekleckstes Papier ist, wird für den Maler zu Welten in potentia. Meist genügen dann ein paar Spitzlichter, um alles für jedermann sichtbar zu machen.
Einzugreifen in das Gewordene ist aber nicht das Wesentliche hierbei, - ein Trost, denn so ist das nicht Malenkönnen nicht unbedingt ein Hindernis. Wesentlich sind die unübersehbaren Ähnlichkeiten, die das aus dem Flüssigen Geschaffene mit dem was die Anschauung der Natur uns als Erinnerung eingebrannt hat, aufweist. Ohne im einzelnen etwas darstellen zu wollen, sind wir Zeugen eines Schöpfungsaktes geworden. Waren es unsere Hände, die das vollbracht haben? Oder war es der Fluss, der wusste, wie man seine Wassermassen durch die Wellen schleust?
 
Je weniger wir wollen, desto wunderbarer kommt es über uns. Novizen muss ich immer wieder ermuntern, alles Wollen auszuschalten, die wenigen Handgriffe dumpf ritualistisch zu vollführen. Unschwer kommt auf diesem Wege ein Hauch von Meditation und Ekstase über den in die Arbeit Vertieften. Selbst der meist von hastigen Absichten getriebene Europäer, der keinerlei Rüstzeug hat, um Erkenntnis- und Bewusstseinsexperimente zu machen, kann malend etwas von dem Wunder des visionären Sehens erahnen. Damit könnte es ja genug sein, ist aber nicht. Der Maleraugenblick wirkt zurück in den Alltag. Plötzlich ist der Himmel nicht mehr nur blau, er ist Cobaltblau. Plötzlich auf einem Winterspaziergang wissen wir, warum die nackten Baumkronen so schön sind: sie sind so widerstandslos in den Raum hineingewachsen wie unbelebte Gerinnungsformen und doch haben sie an keinem Punkt ihr genetisches Programm verlassen.
Ohne nun das Malen als alleinseligmachende Weisheitsstrategie anpreisen zu wollen, kann ich von einem qualitativ dichteren Erleben schwärmen, wenn man die Prozesse des Werdens gleichermassen unter den Händen wie in der belebten Natur beobachtet hat. Wenn man dann, wie ich, über Jahrzehnte in diesem Sog von Tun und Sehen lebt, wird man gewissermaßen hochgezogen in die globale Liebe. Auf Schritt und Tritt ist man gewahr, dass diese Tierart Mensch, die so extrem von ihrer Selbstreflektivität lebt, nicht Gaias Panne, sondern ihr köstlichstes Sinnesorgan ist.
Maler haben viel Zeit, nach Sinn zu suchen: den Sinn des Lebens, den Sinn des Bewusstseins und der Kommunikation, den Sinn des Kosmos. Indem Malen so leicht zum automatischen Tun werden kann wie Radfahren, aber nie gefährlich, ist der Geist frei, überraschender Einsichten gewahr zu werden. - Lassen sie sich das Wort "Einsicht" auf der Zunge zergehen, meine Damen und Herren!


 
Es kann nicht schaden, wenn man diesem Hineinsehen gut gerüstet nachgeht. Aber auch hier ist kein verkrampftes Wissenwollen nötig. Während man zunehmend virtuos mit unendlich viel Fingerspitzengefühl das Fließverhalten von Farben manipuliert, reift das Bedürfnis, mehr über Strömungslehre zu erfahren. Eines Tages wird unser Blick an einem Buchtitel hängenbleiben. Wenn wir Glück haben, ist es "Das sensible Chaos" von Theodor Schwenk (1960 veröffentlicht). Ich möchte sagen, es ist das Buch, was uns versöhnen kann mit der Panne, dass Leonardo seins nicht fertigbringen konnte.
Oder kommen wir zurück zur Anmutung abgeklatschter Farbe. Mit einer kurzen Geste simulieren wir die Erosion von Gebirgen. Dort sind es Wind und Regen, die allmählich Runsen und Täler fressen. Wir Maler reissen den Pigmentstrom zum Gipfel hin, der dort entsteht, wo die Farbe zuletzt abreisst. Es ist der gleiche Prozess, und der hat seit 1980 erst seinen Namen: Fraktal. Die fraktale Mathematik hat sich erst im Komputerzeitalter entwickeln können, da eine immer gleiche Rechenoperation erst nach langer Zeit fraktale Gebilde im statistischen Raum erzeugt. Ob Regentropfen oder Rechenoperation, wo lange immer gleiches fließt, wächst ein Fraktal. Auch Licht bildet Fraktale, wenn wir es lange genung hin und her schicken. Die Spiegelstraßen zwischen zwei gegenüberstehenden Spiegeln veranschaulichen das.

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Fraktale haben eine erstaunliche Eigenschaft: egal wie nah wir das Ding betrachten, das Kleine gleicht immer dem Grösseren - gleicht heisst ähnelt in nicht vorhersagbarem Ausmaß. Ähnliche Erzeugungsprozesse erzeugen ähnliche Formen. Dem Maler kann dieses Denken eine große Bereicherung sein, kann er doch jetzt sein repetitives Tun wie Mathematik verstehen. Er kann jetzt Mathematiker für Malerei gewinnen. Er hat eine Sprache. Aber der Maler hört da nicht auf, er ist ja gewissermaßen auf Dauertrip auf Introspektion, er schämt sich nicht, allem was verweilend Gestalt hat, eine innere Sicht der äusseren Welt zuzugestehen, um sich nach Schamanenart in sie hineinzuversetzen. Wie ein Astronaut gleitet er durch mathematische Räume, hinab in die Seepferdchenalleen zum Ufer des Mandelbrot'schen Apfelmännchens.
Es wird nicht lange dauern, bis der Psychonaut gewordene Maler sein nächstes Aha-Erlebnis hat: "Na klar, alles ist fraktal, weil mein Gehirn fraktal arbeitet". Der ganze Kosmos stellt sich mir in Fraktalen vor, nicht weil das seinem Wesen entspricht, sondern weil mein Weltbildapparat nur das kann. Wird das Weltall wirklich älter, frage ich mich, oder täuschen wir uns, weil wir immer tiefere Verursachungsketten postulieren müssen. Das weise Indianerwort "All Things Are Connected", hat jetzt ein Zentrum und einen neuen Sinn: alles was wir der Erde antun tun wir uns selbst an. So lautete auch der Nachsatz , des besiegten Häuptlings, der seine Kapitulation mit diesen Worten einleitete.



Wir sind mit diesen Gedanken bei der Philosophie gelandet, einem Zweig der Philosophie, den man Idealismus nennt. Erkenntnistheoretisch gab es immer Bedenken, ob denn ein stricktes "mind before matter" durchhaltbar sei. Seit die Physiker wegen der Doppelnatur der Erscheinungen vor Paradoxen ohne Ende stehen, sind auch sie philosophisch sehr aktiv. Es ist ja auch überaus peinlich, dass ausgerechnet die sogenannten exakten Wissenschaften uns mit Wahrscheinlichkeits - Wischi-Waschi bedienen. Es ist gar nicht leicht, sich vorzustellen, wie Physiker damit zurechtkommen. Sie haben als erste dringenden Bedarf an einer Weltbildkorrektur.

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1993 hat Amit Goswami, Sohn eines indischen Gurus und Professor für theoretische Physik in USA, einen wunderbaren Vorschlag gemacht, wie die Wellen - Partikel - Paradoxien und andere Ungereimtheiten der modernen Physik problemlos in einer Theorie versöhnt werden könnten. Goswami verlagert das Bewusstsein nach draussen in ein Bewusstes Universum. Er nennt sein Denkmodell monistischen Idealismus. Wenn Bewusstsein das ist, was immer und überall zur Entfaltung bereitsteht, was belebte und unbelebte Natur gleichermaßen zur Verfügung steht, dann muss er für das, was bisher Bewusstsein hieß, einen neuen Begriff einführen. Er unterscheidet also Bewusstsein und Bewusstheit. Mich hat das Buch fasziniert.
Eigentlich sollte das einen Maler schon gar nichts mehr angehen, aber wenn wir uns nicht nach allen Seiten mit einer Narrenkappe tarnen, setzen wir uns wegen unserer introspektiven Methoden der Verfolgung aus. Wir müssen auf einen Paradigmenwechsel hoffen, auf eine epidemisch alle Menschen erfassende Einsicht. Oder warten wir auf eine Epidemie ohne Einsicht? Durch das weltweite explosiv gewachsene Kommunikationsnetz kann sich das Erkenntnisinteresse weltweit ebenso explosiv verändern. Das Ganze ist immer mehr als die Summe aller Teile. Wir können nicht wissen, was einem Warmblüter, der sich wie die Pilze ein weltumspannendes Mycel errichtet hat, widerfährt. Gedanken, die der Mensch einst zu Fuss und mit enorm gestaffelten Zeitverschiebungen, weiterreichen musste, sind heute überall in Gleichzeitigkeit bereit. Eigentlich könnten wir jetzt wie der Bowist am Mycel hängen - friedlich, erleuchtet und prall.
 
Was tut so ein vernetztes Bewusstsein, war das nicht mal das Privileg Gottes? Fragen wir ziemlich ratlos. Als Maler, Fachmann für Fragen der nichtverbalen Kommunikation, rate ich denen, die sich begrifflich fortpflanzen wollen, Schaut aus nach Schlüsselwörtern, die ihr seit jeher nur in der Einzahl verwendet: sie suggerieren Gleichzeitigkeit und Ubiquität, also Vernetztheit. Wie wär es denn, wenn wir bei Wörtern wie "Liebe" oder "Bewusstsein" anfingen?
Albert Hofmann, vor dem ich mich in großer Verehrung verneige, hat uns seit langem eine Brücke gebaut. Sie heisst "Liebe Sucht Dich". Übrigens heisst es nicht "Bewusstsein Sucht Euch", das würde mit BSE. abgekürzt. (böser Scherz). Was geschieht denn wirklich in diesem Satz? Die Liebe tut etwas, sie sucht Dich. Liebe wird zum Handelnden, verursachenden Subjekt, was die Eigenschaft hat, Dich - mich zu suchen. Für Albert ist das vielleicht ein kleiner Schritt, für die Menschheit ist es ein großer. Der Leidensdruck auf die von zynischem Macchiavellismus Geknechteten und vom Materialismus Verblendeten, hat damit bereits abzunehmen begonnen.
 
Lassen Sie mich den Gedanken etwas vertiefen. "Liebe" oder auch "Bewusstsein" sind Begriffe, denen unendlich viele Bedeutungen zukommen können, es sei denn, jemand benutzt sie in einem exakt definierten Sinn. In der Antike wäre das leicht gewesen, man hätte nicht die Liebe selbst zum handelnden Subjekt gemacht, sondern den Gott oder die Göttinnen der Liebe. Götter, Halbgöttinnen und Menschen bildeten noch einen Erkenntnis-zeugenden Reigen. Den Satz, "Maria, Dyonysos Mimt Amor" hätte jede Baccantin früher oder später verstanden.
Heute glauben wir, dass alles, was wir wahrnehmen können, unser ganzer Kosmos, nur die Schaumkrönchen der Wellen auf einem nicht entfalteten Erzeuger-Ozean sind. Wir sind mit Bewusstsein und Materie gefangen im Glauben, die Kräuselungen, die wir sehen, seien die Welt. Wir errechnen und messen Ursache-Wirkungszusammenhänge, Zeiten und Distanzen, und wundern uns, dass Wirkung auch vor der Ursache eintreffen kann. Peinlich, dass die Quanten derlei die Lichtgeschwindigkeit foppenden Bockssprünge machen, wenn wir nicht hinschauen. Das wäre anders, hätten wir eine erleuchtete Version des Ganzen. Alle Widersprüche würden sich lösen, wenn wir Zugang fänden zu jener noch immer mystischen Erzeugerdimension.

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Der Satz "Liebe Sucht Dich" würde sofort zur Formel , eleganter noch als E = mc-quadrat, wenn wir "Liebe" exakt definieren als jenen Metakosmos, dessen Ausstülpungen wir sind. Die Liebe wäre damit reifiziert: sie könnte suchen und finden. Statt "Cogito ergo sum" könnte ich scharfsinnig sagen: "Ich liebe, also bin ich." Bin ich nicht das Produkt der Liebe? Man könnte das gleiche auch mit dem Term "Bewusstsein" machen, aber da zeigt sich, dass Bewusstsein nichts hat, was Liebe nicht auch hätte. Bewusstsein ist eher eine Hilfskonstruktion der Psychologie. Nicht so die Liebe, sie klotzt mit Myriaden von Emanationen. Wie fließendes Wasser Magnetfelder, Geräusche, Wellen und Erosion erzeugt, strahlt die Liebe ganze Universen ab.
Das ist es dann: Liebe schafft das Seiende.
Ich habe mich aus Zeitgründen auf Beispiele aus der Malerei als Inspirationsweg beschränkt. Die wundersamen Wege des Geistes angesichts bildnerischen Tuns sind damit natürlich nicht erschöpfend beschrieben.
 
Der Maler oder Zeichner kann Formfindung auf viele Weise nach draussen delegieren. Es exkulpiert ihn, er braucht nur noch mit der Hand zu markieren, was sein Auge erkannt hat. So habe ich eine ganze Serie Bilder auf vorher marmorierte Papiere gemalt. So etwa haben die Surrealisten mit Frottagen und anderen Tricks gearbeitet.
Ich müsste auf jeden Fall noch erwähnen, dass beim Zeichnen ganz andere Aha-Zusammenhänge entstehen. Beim Zeichnen entsteht Bild und Sinn durch Linien. Der Strich ist immer mehrdeutig, er kann einen Faden darstellen, eine Kontur, Kante, oder einen zur Linie verkümmerten Horizont, wenn das Blatt eine Fläche durchschneidet, die genau auf Augenhöhe liegt. Das Bewusstsein flirrt bei soviel Auswahl.
Eine in unserem Jahrhundert viel zu selten geschätzte Sinnfindungsmethode ist das Ornament. Ornament hat den Geruch von Ausschmückung und Verzichtbarkeit sehr zu Unrecht. Wir sollten daher eher von Parkettierung oder Mustern reden. Der Vorgang ist so einfach, dass wir das Gehirn eine Weile gar nicht belästigen brauchen. Man macht eine kurze krumme Linie, beliebig. Man spiegelt, dreht und verschiebt diesen Strich nach allen Arten so, dass die Enden immer wieder zusammenfinden - das geht nur auf 17 Weisen. Es entstehen dann Formen, die sich aus Drei- oder Vier-, Fünf- und Sechsecken zusammensetzen. Irgendwann, durch bloßes herumprobieren und -schieben, werden aus krummen Linien Bäuche und Einbuchtungen, stellt sich Sinn ein, der die Phantasie nicht strapaziert und jedermann sogleich zugänglich ist. Man könnte sagen, das Gesetz des Raumes übernimmt die Aufgabe des Bewusstseins.
Eine weitere Methode der Inspiration wende ich vor allem beim Airbrushen an. Es ist das Spiel mit dem Fokus. Sie kennen wahrscheinlich alle, die Computer- erzeugten "magic eye" - Bilder, bei denen man eine Gestalt aus einem Gewirr von Mustern heraussehen kann, wenn man den Fokus weit hinter dem Papier sucht. Man kann auf diese Weise durch jeden Malgrund hindurchsehen, und solange hinstarren, bis sich Irgendetwas einstellt. Mit einer Sprühpistole kann ich dann ohne viel zu verwackeln Höhen und Tiefen andeuten. Auch dies ist eine Methode der Bewusstseinsbeobachtung.
Meine Damen und Herren, Sie werden sich allmählich fragen, wo denn die eigentliche Forschungsmethode beim Malen ist. Die Methode ist eine Art spurensichernde Meditation. Wir stülpen uns nicht einfach durch ein imaginäres Nadelör, obwohl wir das auch könnten, aber dann bliebe kein kommunizierbarer Bodensatz. Wir Maler schleusen unser freischwebendes , möglichst von Absichten befreites Bewusstsein durch einen Strudel von Ungewolltem und doch Selbstgemachtem, hinaus zu offensichtlichen oder möglichen Gestalten und zurück zum Verursacher der wir sind. Nun sind wir Beobachter dieser Rückkoppelung. Wir können uns in den Sog der so geöffneten Schleusen ziehen lassen. Bei einiger Übung wird sich bei jedem etwas einstellen. Es sind immer Aha-Erlebnisse, deren Herkunft ich nicht für andere vorhersagen kann. Was an dieser Spuren lassenden Offenheit Methode ist, können Interessierte selbst bestimmen. Nennen Sie's kommunizierbare Introspektion, oder introspektive Feldforschung. Der Name ist nicht so wichtig, wenn wir einen Jungbrunnen entdeckt haben, wenn Mensch-sein wieder ein Privileg ist. Jedenfalls bleiben erstklassige Protokolle der Forschungs-Situationen, die Bilder, mit denen ja dann auch Ungeahntes passieren kann.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit....