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Flora

Tagebuchauszug vom 02.10.1996



Selektive Wahrnehmung und die Pflanzenwelt
 
Der Gedanke, dass eine Tierart wie wir Menschen nur sehen kann, was qua Evolution zu unserem Bestehen geführt hat, schwelt als stille Glut in meinem Bewusstsein. Ab und zu leuchtet ein Verstehensflämmchen wie die Erinnerung an ein Märchen aus archetypischen Zeiten und lässt mich worten was wahr sein könnte.
So könnte es sein, dass Pflanzen uns nur ihr ästhetisches Produkt, die Ausgeburt ihres Schönheitsempfindens, sehen lassen, nicht aber ihr wahres Wesen, weches uns als Leeres erscheint. Finden wir Warmblüter nur die Skizzenblätter der pflanzlichen Ästhetikübungen? Pflanzen sind tentative, wenn auch ausgereifte Produkte einer Erzeugerästhetik, in unseren Säugetierraum gestellt. Taugt der Gedanke, dann erklärt sich, warum sie eigentlich nichts gegen das Gegessenwerden haben, warum sie erkennen, wen sie als Pollentransporteure benutzen können: Insekten, Kolibris, Gärtner, Mutantenspieler. Pflanzen produzieren Entfaltungsformen, deren Schönheit und ingenieursmässige Intelligenz uns entzücken, aber ihr wahres Wesen, ihren Sitz des Wollens und Wirkens sehen wir nicht.
Zwei Beispiele, die diese Argumentation unterstützen sollen: Der Tintenschreiber lässt eine Spur auf dem Papier. Im Erzeugerkosmos der Schriftspur sitzt ein dreidimensionales Wesen, ein Nerven- und Muskelapparat, Fred, der in nichts dem zweidimensionalen Produkt, dem beschriebenen Blatt, ähnelt. Noch ein Beispiel: Hinter einem Spiegel steckt die Welt der Glasgiesser, Metallverdampfer, der Fabriklärm, eine Welt mit so anderen Eigenschaften als die eines Spiegels. Nichts kann vom Spiegel her abgeleitet werden. Da wir keine Pflanzen machen können, ahnen wir nicht, wie eine Welt aussehen könnte, in der Pflanzen als Erzeugnis entstehen. Wir sehen nur den leeren Raum. Was wir vermuten, ist immer vereinfachend falsch: Gott, Pflanzendevas, genetische Reissverschlüsse. Also warum nicht beim Modell des Künstlers bleiben, der seine Papierberge von Skizzen entsorgen muss und so Kunst unter die Leute bringt. Die Pflanzen überlassen uns ihren Ausstoß zur Entsorgung. So obvious - nicht wahr?

           

englisch

Flora

(shortened translation)



 
Humans, like all species, can only perceive what has been established by their evolution. We see and taste other life forms - such as plants - so we survive by interaction with them.
Could it be that our symbiotic friends let us see and eat their aestethic product only, the outcome of their sense of beauty? They dont mind being found and eaten, they even compete with fabulous offers to those who eat them. They must be very sure that we are unable fo find the site of their wanting and being.
Whatever model we try to explain the essential harmony of coexistence is forcibly false by undue simplification. So why not stick to the sweetest story:
Some symbiotic pals produce stacks of tentative art work. They put their trash into our warmblooded species' space. Plants, like artists, sell their output and thus by emptiing their stocks give Art to the people.
Is this too obvious to be said?