Kartendeck als Weltenmodell

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Tagebuchauszug vom 06.12.96



Tarotkarten entwerfen scheint mir ein Job im falschen Stall, wenn kein Aha - Bezug zu modernen Kosmologien erkennbar ist. Bei den "Schwertern" fällt mir nur Krieg und Töten in antiquierter Form ein. Schön wär es, wenn sich auch die aufgeklärte Welt in diesem Spiel gespiegelt sähe.


 
In der Tat gibt es einen Aspekt der Zufallsspiele, der Ähnlichkeit mit den Modellen von Heisenberg, David Bohm, Amit Goswami hat. Wie der nichtentfaltete Quantenkosmos "in potentia" bereitsteht, im Falle einer Beobachtung durch ein Bewusstsein, als Partikelwelt in Erscheinung zu treten, gibt es das kombinatorische Potenzial des Kartenstapels. Mit der ersten Karte zeigt sich plötzlich die Position des Spielers in einem Bedeutungsraum, der durch diese Hinwendung und durch die Sinngebungsregeln entsteht. Im Tarot, wie in allen Zufalls-Kombinatorik-Spielen, versteckt sich ein längst bewährtes Weltenmodell. Was sonst könnte einen Stapel Pappkarten über Jahrhunderte so reizvoll machen; was sonst, wenn nicht der Sog dieser universalen Rückbindung, könnte Leute süchtig und abergläubisch machen? Im ausserzeitlich daliegenden Kartenstapel, der nichts als ein bisschen Papiermasse ist, und der beliebig ist in Bezug auf Zeit, Ort, Gestaltung, Inhalt, Größe und Häufigkeit des Vorkommens, schlummert ein Sinnwerdungskosmos, der seinen Sinn durch die Hinwendung - nämlich spielen - findet. Jedes Legen der Karten gleicht dem Spiel der Eiweißmoleküle mit den Aminosäuren, gleicht dem Aufbauen eines Organismus nach der Befruchtung. Verblüffend wie dies alles dem Erkenntnisdilemma der neuesten Wissenschaftstheorie gleicht: Die Verzauberung findet genau wie der Quantensprung überall und sicher auch gleichzeitig und mehrfach statt. Hier, wie in der Physik hat das Problem der Überlichtgeschwindigkeit keinen Sinn. Es gibt keinen Informationstransport, kein Dilemma. Spiele sind omnipräsent und können überall und gleichzeitig aufgedeckt werden, genau wie Naturereignisse in einem irgendwie nicht aufgedeckten, nicht entfaltet verharrenden Erzeugerkosmos. Weisheit versteckt sich manchmal in dumpf-ornamentalem Tun. Durch den Nebel des Unverstandes grinst seit altersher das noch immer beste Weltenmodell. Im Vollzug allein entfaltet sich das Geheimnis. Allerdings muss der Erkenntnissuchende einer idealistischen Metaphysik anhängen: Mind Before Matter.


Die rauschfeindliche Erkenntnissuche, der wir im Abendland anhängen, lehrt, dass draußen, außerhalb von uns, die materielle Objektwelt liege, die sei was sie ist, ob wir uns hinwenden oder nicht. Diese Ansicht ist bequem, aber wenig befriedigend. Mir scheint, dass wahre Weisheit sich immer wieder in dumm und besoffen wirkenden Volksvergnügungen verstecken muss.